Was ist Freimaurerei?

Vorgetragen vom Redner der Loge «Heinrich Pestalozzi» in Zürich

Was verbirgt sich hinter diesem Wort «Freimaurerei» in der heutigen Zeit?

Beginnen wir mit der Freimaurerloge der Gegenwart, in unserem modernen Staat. Eine Freimaurerloge ist zuerst einmal ein eingetragener Verein, der den zuständigen Behörden bekannt ist. Die Logen in den verschiedenen Orten sind zusammengefasst und das oberste Organ der liberalen, nicht dogmatischen Freimaurer in der Schweiz, wird durch einen Logenbund, den Grossorient der Schweiz, kurz «G∴O∴S∴» genannt, repräsentiert.

Viel wesentlicher als die äussere Organisationsform, ist jedoch die Frage nach den Zielen der Freimaurer:

Was verbindet diese Gemeinschaft? Was zieht Menschen zu diesem Bund hin?

Um es gleich vorweg zu sagen:

Die Ziele der Freimaurerei sind rein ethische Natur.

In der Vergangenheit, in der Zeit der Gründung der ersten modernen Freimaurerlogen vor fast 300 Jahren, war es der Wunsch vieler Menschen, sich endlich von der damals noch herrschenden geistigen Bevormundung zu befreien und das Trennende zu überwinden, welches vielfach durch Kirche, Aberglaube, Staat und ständische Zwänge hervorgerufen wurde. So ist denn die Freimaurerei auch ein legitimes Kind der Aufklärung. Unzählige berühmte Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft, Kultur und Geistesleben gehörten in jener Zeit diesem Bunde an.

Heute sind diese historischen Ziele in der demokratischen Welt weitgehend erfüllt und gesetzlich garantiert. Alle Menschen sind hier vor dem Gesetz gleich. Die Verfassung garantiert uns heute die Unverletzlichkeit und freie Entfaltung der Persönlichkeit sowie Freiheit von Glauben, Lehre und vieles andere mehr.

Nun aber hat sich diese freiheitliche Wohlstandsgesellschaft in einer Form entwickelt, in der Vorurteile und Intoleranz gegenüber Andersdenkenden weiterhin an der Tagesordnung sind, und in der die Geschäftstüchtigkeit mehr als alle ethischen Werte zählt.

Menschen gleicher Interessen schliessen sich zu Verbänden zusammen, die nur noch ihren eigenen Vorteil suchen und die Aussenstehende als uneinsichtig, ja sogar töricht betrachten.

Gefühlskälte und Lieblosigkeit, und damit Vereinsamung vieler Menschen sind die Früchte eines erschreckend anwachsenden Wohlstandsegoismus. In dieser so gearteten Gesellschaft hat sich der Freimaurerbund zum Ziel gemacht, echte Humanität im täglichen Leben in einer weltweiten Bruderkette zu praktizieren.

Dies kann aber nur (so glauben wir Freimaurer) auf der Basis konsequenter und gelebter Toleranz gegenüber Andersdenkenden verwirklicht werden. Zur freimaurerischen Grundhaltung gehört gleichsam die Erkenntnis, dass kein Mensch auf dieser Welt, keine Partei, keine Glaubensgemeinschaft oder sonstige Gruppierung von Menschen die Wahrheit für sich gepachtet hat.

In der Freimaurerei werden zwar erfahrene und verdiente Brüder hoch geachtet, aber Gurus sind uns absolut wesensfremd. Diese Grundhaltung ist übrigens auch die Ursache für die gnadenlose Verfolgung der Freimaurer in totalitären Staaten; dann dort bestimmt ja «Der grosse Bruder» meistens mit seiner Staatspartei, was wahr zusein hat.

Nun wird man sagen: das mit der Humanität und Toleranz ist ja recht und schön, das will ich ja auch und mit mir unzählige Menschen auf dieser Welt. Aber dazu brauche ich doch nicht Freimaurer zu werden.

Dies ist sicher nicht falsch. Eine bestimmte ethische Grundhaltung und die daraus resultierende Handlungsweise erfordern nicht zwingend den Zusammenschluss mit Menschen gleicher Gesinnung (wohlgemerkt: nicht gleicher Meinung)! Und dennoch lehrt die Erfahrung, dass Kontaktpflege und Gedankenaustausch mit Gleichgesinnten eine wertvolle Grundlage zum Durchhalten, zur Bestätigung oder aber zur Korrektur eigener Vorstellungen sein kann.

In der Tat ist die Freimaurerei für denjenigen, der eine Antenne für ihre spezifische Methode hat, eine Quelle der Kraft, die uns Freimaurer immer wieder geradezu verblüfft. In erster Linie besteht diese Methode in der Arbeit an sich selbst. Das Sinnbild des freimaurischen 1. Lehrlingsgrades ist denn auch ein rauer Stein und ein Spitzhammer. Der raue, ohne Unterlass zu bearbeitende Stein das ist das Selbst. Egal wie hoch man in der Hierarchie steigen mag, wir Freimaurer sagen gerne: Du bleibst ein Lehrling Dein Leben lang!

Damit wären wir auch schon bei der Frage angelangt: was geschieht bei den Zusammenkünften der Freimaurer?

Der Tempel ist der geistige Übungsplatz für die eben aufgezeigten, angestrebten Verhaltensweisen. Es ist übrigens ein freimaurerisches Prinzip, dass in der Loge keine Diskussionen mit dem Ziel geben darf, einen Bruder politisch oder religiös zu «missionieren» – was aber überhaupt nicht bedeutet, dass derartige Themen ausgeschlossen sind.

Für uns ist es immer wieder ein neues Erlebnis in der Loge an Diskussionen teilzunehmen (die wir Zirkel nennen), bei denen jeder einzelne bemüht ist, sich jeglicher Polemik zu enthalten, dem anderen mit Geduld zuzuhören und Sachlichkeit als oberstes Gebot anzuerkennen – auch wenn es manchmal schwer fällt.

Dies bedeutet nicht, dass nicht etwa auch brisante Themen, die eben durchaus politische Inhalte haben können, temperamentvoll, aber diszipliniert ausgetragen werden. Wir wären ja sonst eine langweilige Gesellschaft. Stets aber ist bei den Diskussionen ein Prozess freiwilliger Selbsterziehung erkennbar, der das Ergebnis freimaurerischer Arbeit ist.

Ein wichtiger Bestandteil jeder Logenarbeit ist der «Bauriss» oder die «Zeichnung». Dies ist nichts anderes als ein Vortrag, den einer der Brüder zu einem selbstgewähltem Thema hält.

Aber wie steht es mit den zahlreichen – mehr oder weniger bekannten – freimaurischen Symbolen?

Nun, die feierlichen Arbeiten im Freimaurertempel beruhen auf der Erkenntnis, dass die Bedeutung von Worten häufig relativ ist. Worte lassen sich leider nach vielen Richtungen hin manipulieren. So bedeutet das Wort Freiheit im politischen und sozialen Leben geradezu das Gegenteil von dem was die Machthaber totalitärer Staat Systeme darunter verstehen wollen -Völker wurden zu allen Zeiten von Ihrer Angreifern und Eroberern immer nur befreit.

Aus diesem Grund hat der Freimaurerbund seine spezifische Arbeitsmethode entwickelt, eine Methode die auf der Basis von Symbolik und Ritual Bereiche der menschlichen Seele anspricht, an die Worte nicht mehr heran reichen; eine Methode bei welcher der Einzelne aufgerufen ist, sein eigenes Wesen auszuloten und damit erst richtig zu erkennen!

Symbole lassen sich nicht manipulieren. Sie sprechen für sich. Sie lassen sich aber persönlich interpretieren, etwas das der Freimaurer gerne und ausgiebig macht.

Mit diese Ausführungen haben wir versucht, ein wenig zu erklären was Freimaurerei ist. Sie richtig zu verstehen und sich die Freimaurerei zu verinnerlichen, das allerdings ist ein Prozess, der sich über lange Zeit erstreckt, und der eigentlich nie zu Ende ist.

Eines wollen wir abschliessend und zusammenfassend noch feststellen

Der Eigentümlichkeit der freimaurerischen Arbeit und der spezifische Geist dieses Bundes, haben es seit seinem Bestehen fertiggebracht, Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen, die sich sonst niemals angesprochen hätten.

Wir sind keine Gemeinschaft von Menschen gleicher Interessen und Meinungen! Im Gegenteil wir Freimaurer nennen uns gerne eine Gemeinschaft der Ungleichen; gehört es doch zu den schönsten Erlebnissen freimaurerischer Kontaktpflege, dass Menschen von unterschiedlichsten Kulturen, konfessioneller Zugehörigkeit, politischer Auffassung, Berufsgruppierungen und vielen anderen – an sich trennenden Faktoren – in der Loge zusammenarbeiten und zu einem Bund, ja zu Brüdern zusammenwachsen.

Die Freimaurerei ist auch heute noch in der Lage Menschen unterschiedlichster Schattierung den Freiraum zu verschaffen, in dem sie Mensch sein dürfen; Mensch, ohne die Maske und Rolle, die das tägliche Leben häufig von uns fordert.

Einfach wohl fühlen, auch das gehört zur Freimaurerei, wohl fühlen in einer so bunt zusammengewürfelten Gemeinschaft, in der jeder bereit ist, einen anderen, gleich welcher Herkunft, als Bruder anzuerkennen, an seiner Freude und seinen Sorgen mit Rat und Tat teilzunehmen, einer Gemeinschaft, die von fröhlicher Geselligkeit bis zur ernsten Arbeit an sich selbst geprägt ist, deren Mitglieder bestätigen können, dass sie in dieser Arbeit eine Erfüllung gefunden haben, die sie immer wieder mit Freude, Befriedigung und mit Kraft für den Alltag erfüllt.

P.