Neben eigenen Recherchen stütze ich mich bei meinen Ausführungen auch auf einen Bauriss bzw.
Kurzvortrag unseres verehrten Mitbruders Klaus aus dem Jahre 1977. Es ist ein gutes Gefühl, bereits einmal formulierte Gedanken fortsetzen und vertiefen zu können.
Man darf festhalten: Pestalozzi war zeitlebens auf der Suche und engagierte sich für die Mitmenschen, gemäss herkömmlichen materiellen Masstäben scheiterte er permanent, liess sich jedoch nie unterkriegen, unternahm immer wieder einen Anlauf – und scheiterte wieder. Aber: Seine Bedeutung für das ganze Land ist immens.
Johann Heinrich Pestalozzi wurde am 12. Januar 1746 in Zürich geboren und starb am 17. Februar 1827 im Alter von 81 Jahren in Brugg, gestern war also sein Todestag.
Im Volksmund sagt man oft, „ich bi dänn nöd de Pestalozzi“, wenn man ausdrücken will, dass man nicht einfach alles den Armen geben kann oder will. Pestalozzi ist im kollektiven Gedächtnis unserer Bevölkerung verankert als „Vater der Armen“, der er in der Tat zeitlebens war.
Pestalozzi als Unternehmer
Nach einem abgebrochenem Studium der Theologie, dann der Jurisprudenz, machte Pestalozzi eine landwirtschaftliche Lehre in Kirchberg, Kt. Bern. Anschliessend stampfte er nach der Heirat mit der reichen Zuckerbäckerstochter Anna Schulthess im aargauischen Birr den „Neuhof“ aus dem Boden. Pestalozzi betätigte sich als landwirtschaftlicher Unternehmer. Durch die Einführung neuer Gewächse und neuer Düngemethoden wollte er den vielen verarmten Bauern ein Beispiel geben, wie sie ihre Situation verbessern können. Er scheiterte zum erstenmal wegen übelwollender Nachbarn und Missernten, für die Schulden musste dann seiner Frau Familie aufkommen, die ihn als Schwiegersohn eigentlich abgelehnt hatte.
Ab 1774 nahmen er und seine Frau rund 40 Kinder auf ihr Landgut „Neuhof“ auf. Pestalozzi wurde „Fergger“. Er besorgte Baumwolle, liess in den Stuben der Bauern spinnen und in ihren Kellern weben und verkaufte die Tücher. Kinderarbeit war damals selbstverständlich. Er entwickelte die Idee, die herumlungernden Bettelkinder könnten auf seinem Gut eine Heimstatt finden, dort genährt und gepflegt werden, lesen und rechnen lernen und elementares Schulwissen erwerben. So entstand auf dem Neuhof seine Armenanstalt, wo die Kinder lernten, erzogen wurden und zum Unterhalt der Anstalt produktive Arbeit leisteten. Aber auch dies ging schief, er musste den Betrieb um 1779 schliessen, die Familie Schulthess sprang finanziell erneut ein.
Pestalozzi als Schriftsteller
Ab 1780 bis 1799, also nahezu 20 Jahre lang, widmete sich Pestalozzi dann ausschliesslich der Schriftstellerei – damals mit Sicherheit eine brotlose Tätigkeit. Er verfasste mehrere Romane – weltweit berühmt wurde später sein Roman „Lienhard und Gertrud“ – , aber auch rechtsphilosophische Schriften, z. B. zu Gesetzgebung und Kindermord, bis zu Fabeln. Es ist verblüffend, wie ausserordentlich produktiv Pestalozzi als Schriftsteller war, mit Themen, die sich an den Problemen der damaligen Gesellschaft orientierten, uns immer noch bewegen und Pestalozzi bis heute, auch international, eine hohe Aufmerksamkeit und Achtung verschaffen. Wie ich von Verlagshäusern vernommen habe, gibt es im September dieses Jahres Neuauflagen von Pestalozzis Schriften, die gerade in der gegenwärtigen Sinnkrise, in der sich unsere ganze Gesellschaft befindet, wieder hoch aktuell sind.
Pestalozzi als Schulleiter
1799 wurde Pestalozzi die Leitung des Waisenhauses in Stans übertragen. Nach der Schliessung dieser Anstalt fand Pestalozzi eine Wirkungsstätte in Burgdorf. Er begann als einfacher Schulmeister, avancierte zum Seminardirektor und Institutsleiter. Er entwickelte hier seine eigene Unterrichts- und Erziehungsmethode und zog schnell das Interesse der pädagogischen Fachwelt ganz Europas auf sich.
Als die Berner nach dem Untergang der Helvetik das Burgdorfer Schloss für ihren Amtmann zurückverlangten, fand der nunmehr weltberühmte Pädagoge für die lange Zeit von 1804 bis 1825 eine Bleibe im Schloss Yverdon, wo er gemeinsam mit vielen Mitarbeitern die „Idee der Elementarbildung“ entwickelte und praktisch verwirklichte.
Pestalozzi ein Freimaurer?
Als die Loge Heinrich Pestalozzi mich vor 15 Monaten aufnahm, war ich selbstverständlich der Ansicht, unser Namenspatron sei Freimaurer gewesen. Als ich später hörte, dass Pestalozzi kein Freimaurer gewesen sein soll, war ich schon etwas enttäuscht.
Schon bei den ersten Kontaktgesprächen habe ich von Bruder F. wie auch von Bruder H.R. und insbesondere von meinem Götti Bruder J. gelernt, dass es aus unserer Sicht auch „Freimaurer ohne Schurz“ gibt.
Es ist eine Tatsache, dass Pestalozzi auf Anregung des Heidelberger Kirchenrates Mieg 1783, zusammen mit Johannes Rahn und Johann C. Schweizer, Hauptinitiant der Illuminaten – also der „Erleuchteten“ – in Zürich war, und in den Folgejahren für diesen Orden ausserordentlich rührig Mitglieder angeworben hat, darunter immerhin auch den Vorsitzenden der vornehmen Zunft zur Meisen. Es handelt sich dabei um Aufklärer der damaligen Zeit, die zum Teil, gleichzeitig, vorher oder nachher Jansenisten, Rationalisten, Jesuiten, Rosenkreuzer und auch Freimaurer waren.
Dabei handelte es sich durchaus um eine geheime Gesellschaft, die entsprechend der schottischen Johannis-Maurerei drei Hauptgrade kannte:
- Die Pflanzschule oder Vorbereitungsklasse
- die Maurerklasse
- die Mysterienklasse, die sich ihrerseits in Untergrade aufteilten
So umfasste der 1. Untergrad der Maurerklasse Lehrlinge, Gesellen und Meister. Der 2. Untergrad der Maurerklasse z. B. wurde als „illuminatus maior“, als „schottischer Novize“ bezeichnet, und der 3. Untergrad der Maurerklasse als „illuminatus dirigens“, als „schottischer Ritter“.
Der FM Adolph Freiherr von Knigge war ein Illuminat, desgleichen auch der FM Johann Wolfgang von Goethe. Als wohl typisch für das Verständnis des Illuminatenordens mag die folgende Aussage gelten: „Man muss um die Mächtigen der Erde her eine Legion von Männern versammeln, die unermüdet sind, alles zu dem grossen Plan, zum Besten der Menschheit zu leiten und das ganze Land umzustimmen; dann bedarf es keiner äusseren Gewalt“.
Die Gründung des Illuminatenordens datiert von 1776, also dem Jahre der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Nach Verboten und Verfolgungen durch die Obrigkeit Mitte der achtziger Jahre gilt der Illuminatenorden in Deutschland bereits 1787 als erloschen.
In Zürich wurde der Illuminatenorden 1784 in die „Gesellschaft zur Aufnahme des Guten“, einer Tarnorganisation des Ordens, umgewandelt, und ein Jahr später in „Allgemeine Gesellschaft zur Aufnahme sittlicher u. häuslicher Glückseligkeit“ umbenannt.
Dass Pestalozzi in dieser Zeit auf der Seite der revolutionären, demokratischen Kräfte stark engagiert und auch international sehr gut vernetzt war, zeigt die Tatsache, dass er 1792 von der französischen Nationalversammlung als einziger Schweizer zum französischen Ehrenbürger erklärt wurde. Wie wenige verkörperte Pestalozzi die drei zentralen Werte der FM – liberté, égalité, fraternité – , die als Leitmotiv der französischen Revolution bis in die Menschenrechtsdeklaration der UNO 1948 und bis heute nachwirken.
Es war nur konsequent, dass sich Pestalozzi nach dem Einmarsch der französischen Armee 1798 der neuen helvetischen Regierung zur Verfügung stellte, einerseits als Redaktor am „Helvetischen Volksblatt“, anderseits als Leiter des erwähnten Waisen- und Armenhauses in Stans.
Pestalozzi’s pädagogischer Leitsatz
Wenn wir uns heute fragen, welches denn Pestalozzis Kernbotschaft sei, ist dies ohne Zweifel sein pädagogischer Leitsatz von „Bildung durch Kopf, Herz und Hand“.
Bis heute hat dieser Leitsatz nichts an Aktualität eingebüsst, im Gegenteil: Alle seit fünfzig Jahren in Ausbildung und Personalführung anerkannten Grundsätze, wie man die Leistung von Lernenden oder Mitarbeitern erfolgreich fördern kann, basieren letztlich auf der Einsicht, dass nicht durch Deklamationen oder Zwang, sondern am besten durch „Aufklärung, Belehrung und Belohnung“ motiviert werden kann, wie dies die erwähnte im wesentlichen von Pestalozzi geprägte gemeinnützige Gesellschaft in ihren Statuten formulierte, die übrigens bis 1798, also bis zurm Beginn der Helvetik, existierte.
Wenn wir nun Pestalozzis pädagogischen Leitsatz, der in der Lehrerbildung der letzten zwanzig Jahre ein eigentliches Revival erlebt hat, in der Reihenfolge leicht umstellen, ergibt sich: „Bildung durch Kopf, Hand und Herz“ – plötzlich wird man gewahr, dass das nichts anderes ist als die drei Lichter der FM: Kopf ist die Weisheit, die uns beim Bau leitet, Hand ist die Stärke, die den Bau ausführt, und Herz ist die Schönheit, die den Bau vollendet.
Wenn Pestalozzi sagt „In diesem Verderben ist die Menschenbildung nicht bloss die notwendigste, sie ist auch die seltenste u. schwierigste Kunst“, denken wir unvermittelt an das, was wir FM als königliche Kunst bezeichnen, die Kunst des individuellen Weges zur Vollendung. Oder wenn Pestalozzi ausführt, das Individuum sei die einzige reine Basis der wahren Veredlung der Menschennatur – erinnert das nicht sehr stark an die Arbeit von uns FM am rauhen Stein, die nur von jedem Einzelnen vorgenommen werden kann? Ohne die Vorarbeiten Pestalozzis wäre die Schweiz heute nicht die Schweiz, die sie heute ist. Mehr kann jemand nicht tun für sein Land. Denn seine Saat ging auf, nicht zu seiner Lebzeit, sondern 1830, in der liberalen Revolution, die zuerst im Zürcher Oberland, in Solothurn und dann an den meisten anderen Orten losging. Unter anderem wurde in den folgenden Jahren und nach 1848 in allen Kanntonen das unentgeltliche Recht auf Besuch der Volksschule eingeführt, das gleichzeitig eine Pflicht bedeutete, die mit Schulinspektoren und drakonischen Sanktionen durchgesetzt wurde, mit Busse oder Gefängnis für die Eltern, die ihre Kinder von der Schule ab- und zur Kinderarbeit anhielten.
Damit führte die Schweiz als erstes Land weltweit in relativ kurzer Zeit eine konsequente Alphabetisierung der gesamten Bevölkerung durch, als Grundlage für die seit 1848 anhaltende wirtschaftliche Entwicklung. Ohne Lesen, Schreiben und Rechnen wären die spätere industrielle Entwicklung, der stark ausgeprägte internationale Handel mit heute 40% Exportanteil und fast soviel Import, der Bankenplatz Schweiz wie auch der Forschungsstandort Schweiz, der seit Jahrzehnten bekannte relative Wohlstand, nicht möglich gewesen.
Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass diese Bildungsarbeit im wesentlichen auf dem Gedankengut Pestalozzis beruht. Wir dürfen also – Stolz wäre nicht ein freimaurerisches Wort – aber wir dürfen Freude zeigen, dass der Namenspatron unserer Loge Pestalozzi ist. Dass er auch mit uns weiterlebt – und uns ständig anmahnt, am rauhen Stein zu arbeiten. Er tat es zeitlebens.
Also: War jetzt Pestalozzi Freimaurer, oder eher nicht? Die herkömmliche Meinung dazu kann wie folgt zusammengefasst werden: Wenn Pestalozzi FM gewesen wäre, wäre dies bekannt.
Ich erlaube mir, als aus meiner Sicht durchaus mögliche Variante ins Feld zu führen, dass Pestalozzi vielleicht doch Freimaurer war, dies jedoch bis heute nur nie bekannt wurde. Es ist doch immerhin möglich, dass Pestalozzi 1787 aus den Verboten und Verfolgungen des Illuminaten-Ordens, für den er sich so sehr engagtiert hatte, die Lehre zog, dass die Geheimhaltung wichtiger war als bisher für nötig befunden. Es scheint mir unwahrscheinlich, dass Pestalozzi sich dermassen aktiv für die Illuminaten, einen FM-ähnlichen Orden, einsetzte – und dann nach 1787 in dieser Richtung überhaupt nicht mehr aktiv gewesen sein soll.
In meinen Recherchen stiess ich auf einen Deutschen namens Dr. Ludwig Nonne, der als Sohn des höchsten Beamten vom Herzog Friedrich von Sachsen-Hilburghausen 1804 als „Lehrling“ zu Pestalozzi geschickt worden war, um einige Jahre später, 1810, ein Lehrerseminar zu gründen und Pestalozzis pädagogische Einsichten als Schulreformer und Schulleiter umzusetzen. Von diesem Ludwig Nonne ist bekannt, dass er Freimaurer und 1820 Meister vom Stuhl der Loge „Karl zum Rautenkranz“ von Hilburghausen war.
Ich bin überzeugt, dass man aus dieser Zeit noch zahlreiche FM findet, mit denen Pestalozzi einen engen Kontakt hatte. Ein weiteres Indiz ist die Tatsache, dass man seinem Wunsch gemäss auf sein Grab einen weissen Rosenstrauch pflanzte, was zur damaligen Zeit für Grabbepflanzung völlig unüblich war, zu öffentlichen Diskussionen Anlass gab, jedoch dann als letzter Wille respektiert wurde. Verwenden wir FM nicht weisse Rosen an jeder Trauerloge? Und sagt der Meister vom Stuhl nicht „Die weisse, hold Erblühende, die leg’ ich Dir auf’s Herz“? Selbstverständlich ist es eine Spekulation, dass Pestalozzi nach seiner Zeit als Illuminat selber dann auch noch FM gewesen sei. Aber diese Spekulation scheint mir zumindest wahrscheinlicher zu sein als die Behauptung, Pestalozzi sei nicht FM gewesen, nur weil das nicht bewiesen ist. Wie dem auch sei – es ist nach all dem Gesagten mit Sicherheit angemessen, den Aufklärer, den Menschenfreund und Pädagogen Pestalozzi, auf dessen Grabstein inmitten weisser Rosen steht „Alles für andere, nichts für sich“, allermindestens als „Freimaurer ohne Schurz“ zu bezeichnen.
Pestalozzi, unser Namenspatron
Allerdings, das erklärt noch nicht den Namen unserer Loge. Es gibt zwar zumindest auch in Berlin noch eine „Loge Pestalozzi“, und in Hamburg existiert eine „Pestalozzi-Stiftung Hamburg“, die 1846 von der FM-Loge „Zur Brudertreue“ anlässlich des 100-jährigen Geburtsjahres von Johann Heinrich Pestalozzi gegründet wurde mit dem heeren Ziel, Waisenkinder aufzunehmen, und dies bis heute tut.
Aber auch damit ist Pestalozzi als Namenspatron unserer Loge noch nicht erklärt.
Interessant ist auch, dass die Helvetia-Loge Nr. 2 der Odd Fellows in Baden 1872 unter dem Namen „Pestalozzi-Loge“ gegründet wurde.
Dass unsere Loge Heinrich Pestalozzi heisst, hat möglicherweise eine einfache Erklärung. In seinem eingangs bereits erwähnten Bauriss hat unser lieber Mitbruder Klaus erwähnt, dass unsere Loge die ersten zwei Jahre, also von 1971 bis 1973, im Wohnhaus von Pestalozzi an der Münstergasse ihr Domizil hatte. Wie ein Augenschein ergab, handelt es sich um das „Haus zum Roten Gatter“ an der Münstergasse 23, an der Pestalozzi mit Sicherheit von 1762 bis 1769 gewohnt hatte.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Gründer unserer Loge zuerst den Namen hatten und dann das Wohnhaus Pestalozzis suchten, um dort zu logieren. Es war wohl umgekehrt. Als FM ohne Schurz passt Pestalozzi allemal bestens zu unserer Loge, jedenfalls dürfen wir ihn gerade in der heutigen Zeit als leuchtendes Vorbild für uns alle bezeichnen, ganz im Sinne des Freimaurertums.
P.