Freimaurerei ein Geheimnis?

Freimaurerei wird auch heute noch in der Öffentlichkeit als geheimnisvoll betrachtet. Aus der langen Geschichte der Freimaurerei wissen wir, dass nicht erst «Jan van Helsing» und seine Anhänger jene Märchen von der Freimaurerischen Weltverschwörung erzählt haben, sondern dass diese Vorwürfe so alt sind, wie die Freimaurerei selbst. Freimaurerei zählt sich nicht zu den «Geheimen Gesellschaften», sie ist auch zu keiner Zeit eine gewesen. Sie hat nie etwas mit Gewalt verändert oder es zu verändern versucht.

Ich denke an die «Carbonari» im Italien des 19. Jahrhunderts oder an den «Ku-Klux-Klan» in Amerika, dessen Mitglieder sich untereinander nicht kannten und ihre Ziele nie preisgaben. Das alles trifft für die Freimaurerei nicht zu. Doch liegt das Problem etwas tiefer, denn die Freimaurer verstehen sich ja, neben ihren offen dargelegten Zielen, als Gemeinschaft, welche die alte Tradition der mittelalterlichen Bauhütten bewahrt und sie weiter-entwickelt. Wie alle meine Brüder wissen, haben diese Traditionen der «Operativen Maurer» eine grosse Wirkung und spielen eine wichtige Rolle in der Loge. Denn in jeder Loge gibt es Lehrlinge, Gesellen, und Meister und man nennt sich Bauhütte in Erinnerung an die alten Dombauhütten. Und es gibt die alten Zunftbräuche, sowie die Erkennungszeichen, die genützt worden waren um die erlangten bauliche Kenntnisse vor «Profanen» zu schützen: Erkennungszeichen, die aus bestimmten Worten und Griffen bestehen. Diese Geheimhaltung hatte im Zeitalter der Dombauhütten eine beruflich motivierte Funktion. Sie entsprach dem heutigen Schutz vor Wirtschaftsspionage und hat sich im Mittelalter lange erhalten. Diese Tradition wird also heute noch in der Freimaurerei als ehrwürdige Überlieferung bewahrt. Wenn diese Zeichen, Worte und Griffe dem Bruder je nach Grad mitgeteilt werden, so verpflichtet er sich auch zur Verschwiegenheit. Ich sagte: es wird ein Brauchtum bewahrt, das uns ehrwürdig ist. Wessen Neugier aber so gross ist, dass er diese Zeichen, Worte und Griffe unbedingt erfahren will, der kann ja dies alles in Büchern zur Geschichte der Freimaurerei nachlesen, die in jeder öffentlichen Bibliothek aufliegen.

Nur, was kann ein Profaner damit anfangen, wenn er das dazugehörige wichtige Ritual nicht kennt. Genauso wie ein Lehrling mit Meister-Zeichen nicht viel anfangen kann.

All diese Bräuche enthalten keine geheime Wissenschaft, sie haben auch keine kultische oder magische Wirkung, etwa als Formel zur Beschwörung, sie vermitteln keine geheimen Kenntnisse von überweltlichen, übersinnlichen oder okkulten Handlungen.

«Das ist alles schön und gut» wird der Aussenstehende meinen und wenn das so ist, warum ist es dann nicht möglich, einer freimaurerischen Arbeit zuzuschauen oder sie sogar mit einer Kamera zu dokumentieren?. Wir sind ja heute durch die Medien gewohnt, in die privatesten Bereiche hineinzuschauen.

Dazu gibt eine ganz klare Antwort: So wie wir unsere Ziele der Menschenwürde und Toleranz in aller Offenheit und wenn sein muss, mit aller Deutlichkeit vortragen, so muss man eine Loge nicht als geheime sondern als geschlossene Gesellschaft verstehen. Diese Gesellschaft behält sich die Aufnahme neuer Mitglieder vor, sie wählt aus, aber sie weist auch zurück. Wir fühlen uns als Bruderschaft, in der wir alle enger Verbundenheit zusammengeschlossen sind. Das legt uns auch Pflichten gegenüber unseren Brüder auf. Wir verpflichten uns zur Hilfe und zum gegenseitigen Beistand, zu unbedingter Achtung vor der Person und der Meinung des anderen. Wir sind also nicht eine geheime sondern eine geschlossene sich diskret zurück haltende Gesellschaft, die sich nicht aufdrängt, und ihre Veranstaltungen nicht öffentlich durchführt. Juristisch gesehen wir sind nicht mehr als ein Verein mit Statuten, Reglementen, einem Vorstand und Mitgliedern.

In unseren Arbeiten wird das alte Brauchtum der Dombauhütten, symbolisch ausgelegt und verdeutlicht. Dabei ist jeder Bruder miteinbezogen. Die alten Werkzeuge haben für uns symbolische Bedeutung. Winkelmass und Zirkel, Senkblei und Wasserwaage verkörpern die winkelgerechte Arbeit, die Gradlinigkeit, die Gleichheit aller Menschen, das rechte Ausloten. Wir bilden die Kette: dies ist eine verständliche, symbolische Handlung und sofort fassbar. Aber manche unserer symbolischen Handlungen müssen erklärt werden, weil vieles in unserer Symbolik nicht so einfach ist, so dass man längerer Zeit bedarf, um den Sinn zu erfassen. Aber all dies ist keine Geheimlehre oder geheime Wissenschaft, die wir wie die «Gralsritter» hüten. Wir bewahren keine geheimen Kenntnisse, aber wir bemühen uns, Symbole denkend zu erfassen. Dabei kann jedes Symbol den Menschen emotional ansprechen. Denken wir an das christliche Kreuz in dem einer zwei übereinandergelegte Balken sieht, mit dem aber der andere den Opfertod Christi nachempfindet. Wenn dem Bruder bei der freimaurerischen Arbeiten Symbole gezeigt werden, sollen sie ihn an seine Pflichten im Leben erinnern, an die Pflichten gegenüber seinen Mitmenschen, gegenüber dem Staat, in dem er lebt, gegenüber seiner Familie.

Eines muss betont werden um Missverständnisse auszuschliessen: Eine Freimaurerische Arbeit ist kein Gottesdienst, auch kein Gottesdienstersatz. Hier vollziehen sich keine religiösen Handlungen. Den konfessionellen Raum überlassen wir die Kirche. Wir treiben keine Metaphysik. Durch die freimaurerische Arbeit bereiten wir uns auch nicht auf ein besseres Jenseits vor, sondern wir versuchen hier, auf der von Menschen bewohnten Erde, uns selbst und unseren Mitmenschen bei der praktischen Lebensgestaltung behilflich zu sein.

Unsere Tempelarbeiten können allerdings nicht wie in einer Theateraufführung dargestellt werden, der man interessiert zuschaut. Das ist auch der Grund, weshalb wir uns scheuen, ja weigern ein Ritual vorzuführen. Man spricht von einem Zeremoniell, aber eine Zeremonie ist vielleicht eine feierliche Handlung, ein freimaurerisches Ritual hingegen bezieht jeden Bruder mit ein, lässt ihn mitwirken und mithandeln. Wir wollen Ihnen kein Theater vorspielen, wir wollen Sie in unseren Tempel etwas spüren lassen. Das Anzünden der Drei Lichter, die «Weisheit, Stärke und Schönheit» verkörpern, ist eben nicht nur das Erhellen eines Raumes. So sehen Sie bitte in dem Überreichen der symbolischen Rose, mehr als ein Blumengeschenk oder eine galant-freundliche Handlung. Denn Sie wissen das die Rose uns etwas bedeutet. Ihnen wird etwas mitgeteilt, das man mit Worten nicht ausdrücken kann. Die Rose ist ein Symbol.

Wir gewinnen nichts, wenn wir all diese Brauchtümer einer neugierigen Welt zur Schau stellen und wir sollten den Mut haben zu sagen, dass unsere freimaurerische Arbeit uns allein angeht, und keinen neugierigen Zuschauer. Es gibt keine Geheimnisse in der Freimaurerei. Aber eben! Freimaurerische Arbeit ist auch nicht darstellbar.

Es gab in der Vergangenheit in eilfertige Modernität bei einer freimaurerischen Arbeit einer Loge in Deutschland, wurde Fotoreportern der Eintritt gestattet. Heraus kam eine peinliche Farce, ein völlig falsches Bild. Der Zuschauer sah einige Handlungen, die er überhaupt nicht verstand. Und so werden diese Handlungen lächerlich, denn man muss zuerst lernen, die Symbole zu erkennen und zu deuten.

Gestatten Sie einem Mitglied dieses Bundes, der das Amt des Redners übernommen hat, ein ganz persönliches Wort. Ich gehöre diesem Bund seit einigen Jahren an, ich habe keine Geheimnisse erfahren. Ich habe auch lange Zeit gebraucht, um vom Unwesentlichen zum Wesentlichen vorzustossen. Ich habe in diesem Bruderbund Menschen kannengelernt, die mir als Freunde verbunden sind und von denen ich weiss, dass sie mir jederzeit Hilfe leisten werden, wenn es notwendig ist. Ich habe auch Enttäuschungen erlebt.

Eine Loge ist kein idealer, sondern ein sehr menschlicher Ort. Ich empfinde es als ein grosses Glück, das ich mit Männern vieler Berufskreise zusammengekommen bin, von denen ich auch manchmal Kritik erfahren musste. Ich empfinde es als grosses Glück, dass ich in diesem Bund anderen Brüder auf gleicher Ebene begegne und das ohne jeden Krampf oder gar falsche Gemütlichkeit. Dafür bin ich sehr dankbar.

Eine Freimaurerloge ist kein Club, in dem man zusammenkommt und auseinandergeht. Wir sind durch unsere freimaurerische Arbeit verbunden und werden durch eine unsichtbare Kette zusammengehalten. Das freimaurerische Geheimnis besteht nicht in Ritualen, oder Pass- und Erkennungsworten, nicht in «Zeichen, Wort und Griff». Es besteht in der Brüderlichkeit. Wer versucht mit intellektueller Neugier das Geheimnis der Freimaurer zu ergründen, wird sehr bald enttäuscht sein, es geht um viel mehr als um intellektuellen Erkenntnisdrang.

Friedrich Schiller hat in seinem Gedicht «Das verschleierte Bild zu Sais» dargestellt, dass das Streben nach Wahrheit sich nicht in blosser Neugier erschöpfen darf und sich in Stufen vollzieht. Freimaurerische Symbolik will den Bruder zur stufenweisen Erkenntnis führen.

Schiller stellt in seinem Gedicht nicht das Streben nach Erkenntnis in Frage, sondern die voreilige Neugier.

Goethe spricht das gleich in seinen vielen Freimaurer Gedichten aus: «Denn auf Schweigen und Vertrauen ist der Tempel aufgebaut» «Schweigen und Vertrauen» das sind die beiden Tragenden Säulen der Freimaurerei, nicht etwa Geheimhaltung oder Geheimnistuerei.

Schiller entnahm den Stoff zu seinem Gedicht, einer antiken Erzählung, in der berichtet wurde, dass sich auf der Pyramide von Sais eine Inschrift befand; «Ich bin alles, was ist, was war und was sein wird» . Im Inneren des Tempels zeigten sich dem Einzuweihenden heilige Geräte, darunter eine heilige Lade, die zu öffnen niemand erlaubt war.

Wenn Sie Schillers Gedicht lesen, werden Sie vielleicht verstehen dass es auch eine Erziehung zum Schweigen gibt, dass Verschwiegenheit eine Tugend ist, die geübt werden muss. Wenn es bei Goethe heisst, dass der Tempel auf «Schweigen und Vertrauen» aufgebaut ist, so ist das gegenseitige Vertrauen das uns verbindende Band und damit das freimaurerische Geheimnis.

Z.