Freimaurerei aus der Sicht eines Steinmetzen

(Bem.: ab und zu, eher selten, ist einer unserer Brüder in seinem Beruf tatsächlich mit dem alten Kunsthandwerk befasst. Dieser Bauriss zeigt interessante Parallelen zwischen der operativen und der symbolischen Steinbearbeitung)

Wie Ihr wisst, habe ich Steinmetz gelernt. Da stand ich nun vor dem ersten Brocken Stein. Roh, unbehauen, ohne jegliche Form. Ich nahm den Fäustel (Hammer) und das Spitzeisen (spitziger Meisel), um den Stein in eine annehmbare Form zu bringen. Da ich mich mit 16 Jahren recht stark fühlte, schlug ich entsprechend auf den rohen Steinbrocken ein. Der Stein machte alles Mögliche, er brach an Stellen aus, an denen er nicht ausbrechen sollte, die Spitze meines Spitzeisen brach ab oder ich drosch mir auf meine Hand. Er liess sich aber unter keinen Umständen in die Form bringen, die ich mir vorstellte. Also, noch mal ans Werk, aber diesmal etwas stärker. Das einzige Ergebnis war, dass er noch gröber ausbrach, die Spitze noch weiter hinten abbrach oder ich mir noch intensiver auf meine Hand schlug. Dabei sah Alles so einfach aus, wenn man den Altgesellen zusah, welche mich lehrten. Bei ihnen sah es so spielerisch aus, als ob man mit einer Feder über den Stein streichen würde und er dann genau die Form annahm, die er sollte. Wo war das Geheimnis? Ich musste lernen, den Stein zu erfühlen, ertasten, erspüren. Er ist eine lebendige Materie, welche sorgsam behandelt werden möchte. Er möchte gestreichelt werden. Die Werkzeuge sind meine verlängerter Arme und Hände und meine Verbindung zum Stein. Wenn man das beachtet, macht er genau das was man will. Geht man mit Gewalt dahinter, sträubt er sich. Das war das Erste, das ich als Steinmetzlehrling lernte.

Heute betrachte ich jede neue Lebenssituation als einen neuen rauen Stein. Wenn man sich zuerst herantastet, die Situation erspürt, überlegt und behutsam ans Werk geht, ergibt sich meistens eine sinnvolle Möglichkeit, das Beste daraus zu machen. Vor Allem, wenn man mit anderen Menschen zu tun hat. Wenn ich mich für sie interessiere, sie kennen lernen möchte und echtes, kein geheucheltes Interesse an ihnen habe, werden sie sich öffnen. Schiesse ich aber blindlings in eine neue Sache, wird genau das Gegenteil passieren. Ich werde auf Widerstand stossen und muss mir hinterher überlegen, was falsch gelaufen ist.

Sicher bin ich, genau so wenig wie alle hier anwesenden, nicht immer in der Lage, die Situation abzuwägen und werde immer wieder auf Widerstand stossen. Jedoch muss ich so viel Selbstkritik besitzen, zu erkennen, was falsch gelaufen ist und daraus Lehre ziehen, es das nächste Mal besser zu machen. Ich bekomme genug rohe Steine, die ich bearbeiten kann. Ich werde sicher nicht jeden Stein perfekt bearbeiten können. Jedoch kann ich Erfahrungen sammeln, die mir beim nächsten Mal wieder weiter helfen.

Die nächste Lehre, die ich als Steinmetz gelernt habe ist folgende: Jeder Steinmetz bearbeitet seinen eigenen Stein mit seinem eigenen, persönlichen Werkzeug. Kein Steinmetz darf sein Werkzeug an den Stein eines anderen anlegen. Auch wenn er den Stein nicht so perfekt bearbeitet, ist es immer sein Stein. Dafür erhält der fertige Stein das Steinmetzzeichen (die Signatur) desjenigen Steinmetzes, welcher ihn gehauen hat.

Andererseits, Steine sind schwer und es kann sich sicher jeder vorstellen, dass man als Steinmetz oft die Hilfe des anderen benötigt. Ein Steinmetz hat immer, jederzeit und ohne nachzudenken seinem Kollegen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Der Kollege bekommt, falls er danach fragt, meine Werkzeuge, meine Hand oder meinen Rat.

Auch hier sehe ich Parallelen zur FM. Wir sind jederzeit füreinander da. Wir helfen einander, falls wir gefragt werden, aber keiner wird dem anderen ungefragt Ratschläge erteilen, ihn missionieren oder belehren. Jeder muss seine Erfahrungen selbst sammeln und sich seine eigene Steine behauen und zwar mit seinem eigenem Werkzeug. Mag er es auch nicht so perfekt machen, es spielt keine Rolle, solange er das Beste gibt. Es ist jedem sein persönliches Bestes und das gilt es zu würdigen und zu schätzen.

Eine weitere Erfahrung beruht auf die Erstellung eines Bauwerks. Wenn z. B. ein Torbogen, eine Mauer oder sonst ein Bauteil erstellt wird, setzt sich dieses aus vielen Einzelnen Steinen zusammen. Jeder dieser Steine hat seine Funktion, sei es als tragendes Teil in einem Bogen, als stärkendes Teil in einer Mauer oder als schmückender Stein. Ein Torbogen, welcher nicht vollständig ist, hält nicht. Eine Mauer bei der ein Stein fehlt, ist nicht undurchlässig genug um einen Angriff oder einen Einstieg zu verhindern. Jeder dieser Steine trägt die Handschrift des Steinmetzes welcher ihn bearbeitet hat. Keiner der Steine ist mit dem gleichen Hieb ausgeführt wie der Nachbarstein. Dennoch wird es jeden Steinmetz mit grossem Stolz erfüllen, dass einer seiner Steine dazu beiträgt, dass das Bauwerk hält, es stark ist oder gut aussieht. Jeder wird tolerieren, dass der Nachbarstein etwas anders aussieht und möglicherweise nicht einen so perfekten Hieb aufweist. Das wichtigste dabei ist, dass die Steine Winkelrecht bearbeitet und lotrecht versetzt wurden. Falls sie das nicht sind, wird auch das Bauwerk nicht die Voraussetzungen erfüllen, die es soll.

Auch hier sehe ich wieder die Parallelen zur FM. Wir sollen nicht alle das gleiche denken oder die gleiche Meinung haben. Nein, aber wir sollen denken, sollen uns eine Meinung bilden und sollen handeln (Taten zählen mehr Worte). Zitat Joschka Fischer: «Wer keine Ahnung hat, hat auch keine Meinung». Wir werden angehalten, diese Meinung auch kundzutun. Dabei ist es unabdingbar, dass ich eine andere Meinung toleriere, auch wenn es nicht meine ist. Nicht der ist tolerant, der keine Meinung hat, sondern derjenige, der eine Meinung hat und die Meinung des anderen toleriert. Jeder soll mit seiner Erfahrung und seinem Wissen dazu beitragen, dass der Tempel der Humanität aus verschiedenen Steinen gebaut ist, und jeder dieser Steine die Handschrift des Steinmetzen trägt, der ihn behauen hat. Der Tempel muss stabil sein, die Mauer stark und er soll gut aussehen. Der Tempel wird nie vollkommen sein, genau so wie jeder einzelne nicht vollkommen ist. Es ist nicht unser Ziel, vollkommen zu sein sondern uns zu vervollkommnen. Jedes Gute beinhaltet auch das Böse, wie die Nacht auch dem Tag folgt und es ein oben und unten gibt. Wichtig ist jedoch, dass man das Gute lebt und sich des Bösen, das in einem steckt, bewusst ist. Man muss ich im Klaren sein, was man im Bösen alles anrichten könnte und dieses kontrollieren. Wir werden das Böse dieser Welt nicht abschaffen können. Wichtig ist jedoch, dass das wir das Gute leben. Wir müssen für uns selbst Vorbild sein und uns Gegenseitig helfen. Das Werkzeug, das jeder von uns besitzt, dem anderen zur Verfügung stellen, damit er seinen Stein korrekt und winkelrecht bearbeiten kann.

Wir müssen uns auch bewusst sein, dass, genauso wenig wie ein Steinmetz allein ein grosses Bauwerk erstellen kann kein Mensch alleine den Tempel der Humanität bauen kann. Hierzu benötigt es vieler Kräfte, welche vereint daran bauen. Und jeder trägt mit seinem Stein, den er nach bestem Wissen und Gewissen behaut, dazu bei.

Michelangelo, einer der bedeutendsten Bildhauer die ich kenne, wurde einmal gefragt, wie er es schaffe, aus den rohen Steinbrocken so schöne Skulpturen heraus zu arbeiten. Er antwortete, dass die Skulpturen bereits im Stein vorhanden sind, er müsse nur das überflüssige entfernen. So können auch wir FM uns sehen. Lasst uns das Schöne erkennen, herausholen und das überflüssig scheinende entfernen. Dann sind wir auf dem richtigen Weg.

T.