Der kategorische Imperativ im Kontext zur Freimaurerei

Immanuel Kant (1724 – 1804)

Über den kategorischen Imperativ von Kant ist wahrlich schon viel geschrieben und auch gesagt worden. In meinem heutigen Bauriss möchte ich den Versuch unternehmen kurz zu beleuchten, welchen Einfluss diese Wertevorstellung im Allgemeinen und für die Freimaurerei zu bedeuten hat.

Einleitung

Nach allgemeiner Erkenntnis gibt es keine reine freimaurerische Philosophie. Unsere Lehre baut vielmehr auf den Erkenntnissen verschiedener philosophischer Inhalte auf. Bestimmenden Einfluss hatten natürlich unter anderem auch die griechischen Philosophen. Entscheidend und wie kein anderer beeinflusst aber ein Mann unser Denken und Handeln: Immanuel Kant. Kant, der selber kein Freimaurer war und trotzdem die Grundlage unseres Lehrgebäudes geschaffen hat, lehnte jegliche Bindung an irgendwelche Institutionen «kategorisch» ab. Er sah auch in der Kirche ein Mittel zur Macht und zur Bevormundung anderer, obwohl er selber, nach den Regeln der Vernunft, durchaus religiös war. Dazu meinte er sogar folgendes: Dem moralischen Gesetz muss alles untergeordnet werden. Auch die christliche Religion muss sich hier beugen. «Selbst der Heilige des Evangelii muss zuvor mit unserem Ideal der sittlichen Vollkommenheit verglichen werden, ehe man ihn dafür erkennt…» Dies brachte ihm, vor allem nach der Veröffentlichung seines Werkes «Die Religion innerhalb der Grenzen der blossen Vernunft» 1793 in derartige Schwierigkeiten, dass er sogar erwog, aus seiner geliebten Heimatstadt Königsberg wegzuziehen. Es wäre aber ein Trugschluss, Kant als Atheisten zu bezeichnen oder zu behaupten, dass Kant gegen die Freimaurerei gewesen wäre. Er identifizierte sich durchaus mit den Zielen unseres Bundes. Zudem waren eine Vielzahl seiner besten Freunde wissentlich Mitglieder einer Loge.

Der kategorische Imperativ

Aber wie beschreibt man eben nun diesen kategorischen Imperativ in einem Satz? Ein erster Versuch könnte in etwa wie folgt lauten: Verhalte Dich stets nach dem Grundsatz, dass du selbst nicht so tust, als wenn du nicht willst, dass dies zu einem allgemein gültigen (oder anerkannten) Gesetz werden könnte. Oder anders und einfacher: Was du nicht willst, dass dir widerfahre, tue keinem anderen an…

Der kategorische Imperativ setzt also prinzipiell ein Handeln voraus. Und Mensch sein heisst handeln müssen. Entscheidungen im Leben sind also zwingend. Sich nicht zu entscheiden, ist schliesslich auch eine Entscheidung. Auch die Entscheidung, nur noch andere für mich entscheiden zu lassen, wäre ja auch wieder eine Entscheidung.

Dazu ein Beispiel: Wenn ich in einem Café sitze und mir überlege, ob ich nochmals einen Kaffee bestellen soll, muss ich mich entscheiden. Auch wenn ich zum Schluss komme, nichts mehr zu trinken, habe ich eine Entscheidung getroffen: Eben keinen Kaffee mehr zu trinken.

Sobald wir also handeln, sind wir mit der grundsätzlichen Frage konfrontiert, nach welchen Kriterien wir handeln sollen. Dies gilt für alle Menschen, auch im profanen Leben. In einem Café ein zusätzliches Getränk zu bestellen, wird wohl kaum jemanden vor grundsätzliche Probleme betreffend vernünftigem und ethischem Handeln stellen. Fragen aber über Leben und Tod, so zum Beispiel über die Todesstrafe, lebensverlängernden Massnahmen etc.

können uns vor beinahe unüberwindbare Probleme betreffend Ethik und Vernunft stellen. So ist Ethik und die reine Vernunft oft unvereinbar. Dazu ein Beispiel: Stellen wir uns ein in Seenot geratenes Passagierschiff vor. Nach allgemeinen Grundsätzen ist es ethisch, dass zuerst Frauen und Kinder das Schiff verlassen und der Kapitän und eventuell ein Teil seiner Offiziere auf dem Schiff verbleiben. Vernünftig wäre doch, vor allem bei schwerer See, dass der Kapitän, und die Mannschaft rechtzeitig in die Rettungsboote gelangen sollten, damit diese, dank ihren Kenntnissen in der Seefahrtechnik, die Rettungsboote sicher an Land bringen könnten.

Solche Widersprüche gibt es natürlich viele, unzählig wären die Beispiele. Interessant ist, um dies weiter Auszuführen, eine Untersuchung der Anwendung von Vernunft anhand eines Beispiels aus der Natur, welches Kant selber erlebte. Diese wahre Begebenheit aus Kant’s Leben wurde von seinem wissenschaftlichen Assistent, C.A.Ch. Wasianski wie folgt wiedergegeben: «Kant hatte einmal in einem kühlen Sommer, in dem es wenig Insekten gab, eine Menge Schwalbennester wahrgenommen und einige junge Schwalben zerschmettert am Boden aufgefunden. Erstaunt über diesen Fall wiederholte er mit höchster Aufmerksamkeit seine Untersuchungen und machte eine Entdeckung, wobei er anfangs seinen Augen nicht trauen wollte, nämlich dass die Schwalben selbst ihre Jungen aus den Nestern warfen. Voll Verwunderung über diesen verstandesähnlichen Naturtrieb, der die Schwalben lehrte, beim Mangel von Nahrung für alle Jungen, einige aufzuopfern, um die übrigen erhalten zu können, sagte dann Kant: «Da stand mein Verstand still, da war nichts dabei zu tun, als hinzufallen und anzubeten.» Dies sagte er aber auf eine unbeschreibliche und nicht nachzuahmende Art. Die hohe Andacht, die auf seinem ehrwürdigen Gesicht glühte, der Ton der Stimme, das Falten seiner Hände, der Enthusiasmus, der diese Worte begleitete, war einzigartig.» Trotz Kant’s Lobeshymne auf die Natur, hätte er natürlich auch aus moralischen Aspekten nie geduldet, dass der Mensch in Zeiten der Not berechtigt wäre, einige seiner eigenen Kinder zu opfern. Vielmehr sieht Kant in dieser Begebenheit, dass der Mensch mit Hilfe seines Verstandes eine Vernunftregel für sittliches Verhalten aufstellen kann und soll, die für den Menschen genau so untrüglich und eindeutig ist wie der Instinkt beim Tier. Kant war übrigens fest davon überzeugt, diese Vernunftregel, die für das gesamte sittliche Verhalten gilt, gefunden zu haben. Er war der absoluten Überzeugung, damit einen Schritt über unsere sinnlich-wahrnehmbare Welt hinaus getan zu haben und etwas entdeckt zu haben, was den Menschen befähigt, mit der Vernunft eindeutig sittliche Entscheidungen treffen zu können.

Dieses Gesetz nannte er das «Sittengesetz», das «praktische Gesetz» oder auch das «moralische Gesetz». Dies führte Kant zu seiner wohl bekanntesten Schlussfolgerung: Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender das Nachdenken sich damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir.

Worauf gründet ethisches und somit vernünftiges Handeln?

So weit so gut. Aber wie löst man nun den Konflikt zwischen Ethik und rein vernünftigrichtigem Handeln? Eine Möglichkeit besteht darin, sein Handeln, ausgehend von einem bestimmten Standpunkt, zu begründen. Dazu noch ein Beispiel:

Ich muss mich entscheiden, ob ich eine pflegebedürftige Person (z.B. meine Eltern oder ein anderes Familienmitglied) bei mir zu Hause behalten oder in ein Heim bringen soll. Gehen wir weiter davon aus, dass beide Möglichkeiten, also auch die aufwändige Pflege zu Hause, machbar wären:

  • Ich denke, es erhöht meinen Lebensgenuss, wenn ich die Verantwortung für die Person abgeben kann und mehr Zeit für mich habe. Gut ist also, was mir Genuss verschafft. Diesen ethischen Standort nennt man Hedonismus1.
  • Ich denke an mein Glück (nach der Einstellung: Gut ist, was glücklich macht, weil ich z.B. ohne die Last dieser Person freier bin) und lasse das Familienmitglied ins Pflegeheim bringen. Somit handle ich nach dem ethischen Standort des Eudämonismus2, allerdings in seiner niedrigsten Ausprägung. In seiner höchsten Form jedoch sucht der Eudämonisums das Glück in der sittlich wertvollen Handlung. Dann könnte das Glück in der sittlichen Entscheidung liegen, die Person eben aufopferungsvoll zu Hause zu pflegen.
  • Ich denke, dass wenn ich die Person ins Pflegeheim gebe, mir dies meinem Kontostand oder meiner Karriere nützlich ist, verhalte ich mich nach dem Standort des Utilitarismus. (Lehre, dass der Zweck des menschlichen Handelns der Nutzen des Einzelnen u. der Gemeinschaft sei). Also: Gut ist, was nützlich ist.
  • Ich denke, ich darf die Person nicht in ein Heim geben, weil geschrieben steht… (im Gesetz, in der Bibel, im Koran oder im Talmud etc.). Nun vertrete ich den Standort der heteronomen [von fremden Gesetzen abhängig] Gebotsethik. Diese Norm wird auch als legalistische Ethik bezeichnet. Das heisst, ich lasse mein ethisches Handeln durch ein Gebot oder Verbot fremdbestimmen. Für mich ist mein Handeln nur dann moralisch, wenn es einer festgelegten Norm entspricht. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Norm aus einem heiligen Buch stammt oder aus irgendeinem Erlass oder Befehl. Ich überprüfe auch nicht, ob die Norm inhaltlich fragwürdig ist.
  • Ich denke, die Vernunft macht es mir zur Pflicht, die pflegebedürftige Person nicht im Stich zu lassen. Diese Betrachtungsweise entspricht der Pflichtethik.
Dazu eine kurze Kritik

Diese fünf Begründungsmodelle sind natürlich von unterschiedlicher Qualität. Schon Platon hatte den Hedonismus lächerlich gemacht. Dazu kann man anfügen, dass Medizin, nur weil sie bitter schmeckt, noch lange nicht unmoralisch ist. Der Standpunkt also, dass nur gut sei, was angenehm ist, Schwierigkeiten aufwirft. Obwohl wir Menschen stark hedonistisch geprägt sind, beantwortet es die Frage, was wirklich richtig und was falsch ist, nur ungenügend.

Auch der Utilitarismus ist gefährlich und in einem gewissen Masse untauglich, ethisches Handeln zu begründen. So wurden im dritten Reich die Menschen nach dem Prinzip der Nützlichkeit eingestuft, was schlussendlich zum Euthanasieprogramm (Sterbehilfe), der Beseitigung für in diesem Sinne nicht nützlicher, also behinderter Menschen, führte.

Die heteronome (von fremden Gesetzen abhängig) Gebotsethik wird zur moralischen Rechtfertigung jeglichen Tuns. So wurden die Kreuzzüge unter Berufung auf gewisse Bibelstellen ausgerufen. Der Soldat, der Kriegsverbrechen begeht, beruft sich auf seinen Befehl. Bestimmte Sekten verbieten die Bluttransfusion zur Lebensrettung unter Berufung auf die Apostelgeschichte.

So bleiben eigentlich nur noch zwei Verhaltensnormen im Wesentlichen von der Kritik verschont. Der von Aristoteles genannte Eudämonismus sowie die von Kant proklamierte Pflichtethik. Aristoteles hat nach Sokrates und Platon die Ethik von der philosophischen Reflexion getrennt und ihr damit zu einer eigenen Disziplin verholfen. Mit dem kategorischen Imperativ hat Kant die Pflichtethik begründet.

Dazu lassen wir am besten Kant gleich selber ein letztes Mal zu Worte kommen: «Pflicht! du erhabener grosser Name, der du….Unterwerfung verlangst, doch auch nichts drohest, was natürliche Abneigung im Gemüte erregte und schreckte, um den Willen zu bewegen, …vor dem alle Neigungen verstummen, wenn sie gleich in Geheim ihm entgegen wirken, welches ist der deiner würdige Ursprung, und wo findet man die Wurzel deiner edlen Abkunft, welche alle Verwandtschaft mit Neigung stolz ausschlägt, und von welcher Wurzel abzustammen die unnachlässliche Bedingung desjenigen Werts ist, den sich die Menschen alleine selbst geben können?»

Schlussbetrachtung

An unseren Ritualen sowie der Freimaurerischen Weltanschauung lassen sich klare Bezüge zu Kants Pflichtethik erkennen.

Nach Reinhart Koselleck wird die Freiheit im Geheimen zum Geheimnis der Freiheit. Es ist die geistige Freiheit im geheimen Inneren, die sich hier entfalten soll. Das freimaurerische Licht leuchtet nicht um, sondern in den Maurer hinein. So wird der Profane während der Aufnahme aufgefordert: «Erkenne Dich selbst!». Dieser Verweis auf das eigene Selbst, diese Aufforderung zum Ernstnehmen der eigenen Subjektivität ist immer noch aktuell. Der Wissenschaftsphilosoph Jonas schreibt in seinem Buch [Technik, Medizin und Ethik]: «Er [der Mensch] kann seine Werte nicht in einem objektiven Sein verankern, sondern muss sie aus seiner Subjektivität erzeugen und willkürlich setzen.» Hier erkennen wir den Grundgedanken Kants‘ aus seiner «praktischen Vernunft» in veränderter Form wieder. Jonas betont weiter, dass das Individuum auf keinem festen Grund stehe, sondern sich gewissermassen «am eigenen Zopf in die fiktive Sphäre der Werte emporziehen» müsse.

Nach Sokrates ist Selbsterkenntnis die Vorbedingung der Sittlichkeit, Lessing nennt sie den Mittelpunkt, und Kant schlussendlich den Anfang aller Weisheit.

J.

  1. griechisch: hedone = Lust; die Genusslehre -Altgriechische Lehre, nachdem Lust und Genuss die höchsten Güter des Lebens sind. ↩︎
  2. griechisch: eudaimonia = Glück; philosophische Auffassung, dass die Glückseligkeit Ziel allen Handelns u. nur durch sittliches Verhalten zu erreichen sei. ↩︎