Wie Ihr wisst, arbeite ich in einem weltweit tätigen Finanzdienstleistungsunternehmen. In meiner Berufsrolle habe ich mit Menschen aller Hierarchiestufen Kontakt, vom einfachen Mitarbeiter bis zum Geschäftsleitungsmitglied. In den vergangenen Jahren habe ich viele einschneidende, betriebliche Veränderungen erlebt: Fusionen, Zukäufe im In- und Ausland, zahllose Umstrukturierungen, Stellenabbau. All diese Veränderungen, vor allem aber die zunehmend globale Ausrichtung haben Verlierer und Gewinner hervorgebracht und meinen beruflichen Alltag massgeblich geprägt. Über Ursachen und Folgen der zunehmenden Globalisierung auf Menschen und Mikrosysteme, aber auch über mögliche Strategien und Lösungen möchte ich in diesem Bauriss sprechen.
Wozu brauchen wir Freimaurer eigentlich das Winkelmass und den Spitzhammer? Das Winkelmass, um unser Werk rechtwinklig zu machen und den Spitzhammer, um allen überflüssigen Stoff abzuhauen, damit das Winkelmass leicht und passend angelegt werden kann. Insofern verstehe ich unter dem Winkelmass auch das Werkzeug zur rechten Lebensführung.
Besteht nun zwischen dieser Freimaurerischen Symbolik, zwischen der rechten Lebensführung und der entfesselten, zunehmend globaleren Wirtschaftswelt nicht ein riesiger unüberbrückbarer Widerspruch? Lassen sich Globalisierung und der damit einhergehende Wertewandel überhaupt mit Winkelmass beeinflussen oder gar gestalten?
Globalisierung – sie findet statt. Ob wir wollen oder nicht! Alle Länder und Lebensbereiche sind von ihr betroffen. Unter Globalisierung verstehen wir die engere Verflechtung von Ländern und Völkern der Welt, also nicht nur – aber auch der Wirtschafts- und Arbeitswelt. Diese engere Verflechtung ist meines Erachtens grundsätzlich zu begrüssen. Sie birgt grosse Chancen! Stichwort: Weltbürgertum, Demokratie, soziale Gerechtigkeit, Menschen- und Minderheitsrechte, Mitbestimmung. Sie beinhaltet aber auch erhebliche Risken. So kann die Anforderung des Kapitals nach maximalem Profit die menschliche Würde degradieren und ökologische, kulturelle sowie soziale Gleichgewichte zerstören. Ausserdem besteht die Gefahr, dass jede menschliche Handlung der Rendite unterworfen wird.
Die Globalisierung wurde in den letzten Jahrzehnten stark beschleunigt durch die Technologieentwicklung und enorme Kostensenkungen im Transportund Telekommunikationsbereich. Es waren politische Prozesse, welche die stattfindende Globalisierung ermöglicht haben. Zwei politische Entscheidungen sind dabei zentral: Erstens die Liberalisierung der grenzüberschreitenden Kapitalflüsse Ende der Achtziger Jahre und die Gründung der WTO 1995, welche die Handlungsfreiheit von Staaten in ihrer Handelspolitik stark einschränkte. Die Globalisierung wurde so in den vergangenen zwei Jahrzehnten einseitig zu Gunsten der Multis und Finanzunternehmen ausgestaltet. Der IWF setzt mit seiner globalen Finanzmacht seine neoliberalen Rezepte in allen Ländern durch, welche in einer Notlage auf Finanzhilfe angewiesen sind. Mit dem Fall der Berliner Mauer wurde eine ‚neue Weltordnung‘ verkündet. Deren wirtschaftliche Dimension hat jedoch – wie wir alle inzwischen wissen – weder die Armut verringert, noch mehr Stabilität gebracht. Im Gegenteil, die Schere zwischen arm und reich hat sich massiv geöffnet, die Umwelt wird weiterhin ausgebeutet und die Politik hinkt der Wirtschaft hinterher. Die Welt war noch nie zuvor im Besitze eines solchen wirtschaftlichen Wohlstandes. Aber noch nie war dieser Wohlstand so ungerecht verteilt. So haben sich in den vergangenen zwei Jahren die Einkommens- und Vermögensunterschiede drastisch vergrössert, Arbeitsplätze wurden abgebaut. Sie fielen technischen Rationalisierungsmassnahmen zum Opfer oder wurden in billigere Schwellenländer verlegt, wo oft unwürdige und ausbeuterische Lebens- und Arbeitsbedingungen herrschen. Dazu einige Zahlen: Das Vermögen der 358 reichsten Menschen ist grösser als das Jahreseinkommen der Hälfte der Weltbevölkerung. Das Vermögen der drei reichsten Personen ist grösser als das Bruttosozialprodukt der 48 ärmsten Länder dieser Erde. 2,8 Milliarden Menschen haben weniger als 2 Euro pro Tag zum Auskommen. 1,2 Milliarden davon müssen sogar mit weniger als 1 Euro pro Tag überleben. Bei dieser Armut ist es auch nicht verwunderlich, wenn rund 800 Millionen Menschen chronisch nicht zu essen haben.
Und bei uns? Was bedeutet die Globalisierungs-Entwicklung auf unsere Gesellschaft und unsere Arbeitswelt?
Die Globalisierungsmühle und ihre Folgen lösen bei vielen von uns diffuse Ängste und Unsicherheit aus. Oft äussert sie sich in irrationaler Form oder wird über die Vernichtung von Arbeitsplätzen definiert. Die lähmende Angst vor Verlust an Identität und Ansprüchen ist im privaten, im wirtschaftlichen wie auch im politischen Umfeld wahrnehmbar. Und sie vergiftet das gesellschaftliche Klima. Es herrscht die Meinung vor, es sei in unserer Gesellschaft in letzter Zeit kein Stein mehr auf dem anderen geblieben. Herzlosigkeit und Zahlenfetischismus seien eingekehrt. Die Menschen seien gewissermassen ihrer eigenen Dynamik zum Opfer gefallen und könnten nun der Tempovorlage, die sie sich selber gesetzt haben, nicht mehr folgen. Die Geister der Globalisierung, die man gerufen habe, werde man nicht mehr los.
Am Arbeitsplatz herrschen grosse Zwänge! Es gibt immer mehr Stress, mehr Effizienz- und Kostendruck und dadurch mehr Konflikte, im Kleinen wie im Grossen. Die Lebensqualität gerät nach und nach unter die Räder und der Weg zu einer neuen Solidarität scheint immer weiter entfernt. Manche fragen sich, wo Arbeitsplatzsicherheit und Arbeitsqualität geblieben sind.
Viele Arbeitnehmende fühlen sich als kleine Nummern, mit denen umgesprungen wird, wie es gerade opportun ist. Ihnen fällt es zunehmend schwer, unter den herrschenden, harten Verhältnissen noch in jeder Situation anständig zu bleiben und sich nicht von Anfeindungen beirren zu lassen. Selbstbehauptung am Arbeitsplatz, die eigene Haut zu retten, scheint das Gebot der Stunde. Nichts anderes zählt mehr. Viele Arbeitnehmer haben kein Vertrauen mehr ins Management. Sie sind sich darüber im Klaren, dass sie die nächsten Opfer der oft als ‚Globalisierung‘ getarnten Profitmaximierung sein können. Von Loyalität des Arbeitgebers gegenüber seinen Mitarbeitern ist heute immer weniger die Rede. Die eigenen Vorteile stehen im Vordergrund, denn der nächste Tag kann schon das ‚Aus‘ für den Arbeitsplatz bedeuten.
Wie kann nun Winkelmass oder rechte Lebensführung in diesem verunsicherten und komplexen Kontext angewendet werden? Müssen wir der Entwicklung zu noch mehr Globalisierung hilflos und ohnmächtig zuschauen oder können wir mit angemessenen Massnahmen die Entwicklung korrigieren und in eine ausgewogene Balance bringen?
Eines vorweg: Wir können die Globalisierung nicht aufhalten oder gar das Rad der Zeit zurückdrehen. Die Entwicklung des Marktes, das Renditestreben sowie der Machbarkeitsdrang finden ihren Weg. Aber wir können und müssen die Entwicklung genau analysieren und versuchen zu kontrollieren. Gelingt dies nicht, so wird ein neuer Graben entstehen zwischen einer globalisierten Bevölkerungsschicht, welche von den internationalen Unternehmungen abhängig ist, und einer viel zahlreicheren Schicht von Menschen, welche in einer regional orientierten, strukturell teilweise überholten Existenz ihr Leben fristet. Wir alle wissen um das Leben im Mittelalter, als Schollengebundenheit und Leibeigenschaft herrschten, während der höhere Klerus und zum Teil auch der Adel seine Welterfahrungen machen durfte. Und in diese Welt wollen wir bestimmt nicht mehr zurück.
Also müssen wir ein Gegengewicht schaffen, damit der Mensch wieder als zentraler Faktor in die Arbeitswelt zurückfinden kann. Lösungen sind auf verschiedenen Ebenen anzugehen:
- Ebene Politik
Das Primat der Politik muss meines Erachtens wieder vor der Wirtschaft durchgesetzt werden, damit die Bürger eine gewisse Sicherheit geniessen können. Um dem Duck der transnationalen Unternehmungen Stand halten zu können, müssen die Staaten noch vermehrter miteinander kooperieren. Wo nämlich der Verlust nationaler Kompetenzen nicht durch internationale Regeln ausgeglichen wird, da gilt das Recht des Stärkeren. Die Lösung liegt meines Erachtens nicht im Rückzug auf das Nationale sondern in der Internationalisierung und Demokratisierung der Politik. Diese soll in die Lage versetzt werden, der Wirtschaft wieder klare Rahmenbedingungen zu setzen, damit endlich die Menschen und nicht nur internationale Konzerne und wenige privilegierte Schichten davon profitieren können. Über die Nationalstaaten hinweg sind in der Sozial-, Steuer-, Arbeits- und Umweltpolitik Mindestnormen festzulegen. Solche Rahmenbedingungen sollen zum Ziel haben, die Wirtschaftsordnung gerechter auszugestalten und die Umwelt wirksam zu schützen. Alle Regierungen sollen zur Umsetzung der Menschen- und Minderheitsrechte verpflichtet werden. Die Bevölkerung der Entwicklungsländer muss demokratische Mitbestimmung erhalten. Die Verteilungsfrage muss auf die Weltagenda gesetzt werden. Dazu sind internationale Institutionen, wie zum Beispiel die UNO, zu stärken. - Ebene Wirtschaft
Die Wirtschaft muss erkennen, dass sie Teil der Gesellschaft ist und somit eine wichtige soziale und ökologische Verantwortung trägt, um Frieden, soziale Gerechtigkeit, Wohlstand und Rechtsstaatlichkeit zu garantieren.
Von der Wirtschaft selber ist eine umfassende Corporate Governance in den Mittelpunkt zu stellen. Darüber hinaus soll ein Ethik-Management zu Wertund Grundsatzfragen bezüglich Arbeits- und Marktwirtschaft sowie deren gesellschaftliche Folgen verlangt werden. Gewinne sind nicht nur zu privatisieren sondern teilweise zu sozialisieren, indem nachhaltig in neue, innovative Arbeitsplätze investiert wird. ‚Socially Responsible Investment‘, welches beispielsweise Banken zurzeit intensiv fördern wollen, darf keine Vision mehr bleiben sondern muss umgehend eingeführt werden. Ausserdem sollen die ökonomischen Vorgänge endlich von ‚unten her‘ betrachtet werden und vom Schicksal der lebendigen Arbeitskraft, von den Bedürfnis- und Interessensstrukturen lebendiger Menschen ausgehen. Damit der Mensch in der Welt der Wirtschaft und des Kapitals nicht nur lästiges Anhängsel, Manövriermasse und Kostenfaktor ist.
Und wir als Freimaurer? Worin besteht unser Beitrag für eine friedvolle, gerechte und menschliche Welt?
In diesem Zusammenhang möchte ich Euch an die Korrespondenz zwischen unserem ehrwürdigen Meister vom Stuhl, P. H., und dem Bruder K. O., von anfangs Februar dieses Jahres erinnern, die ihr alle auch per E-Mail erhalten habt. Es ging um die Frage, ob und wie stark sich die Freimaurerei mit wirtschaftlichen bzw. politischen Fragen auseinandersetzen soll, darf oder gar muss. Dabei geht es immer um den Freimaurer als Individuum und nicht die Freimaurerei als Organisation.
Diese ist – soviel ich weiss – mit Ausnahme des Grand Orient de France unpolitisch und soll sich als neutraler Verein nicht in politische Prozesse einmischen. Den einzelnen Mitgliedern steht es aber frei, sich aktiv politisch zu betätigen.
Wir Freimaurer können und sollen uns geistigen Innenraum schaffen, den unbehauenen Stein zu bearbeiten, mit dem Ziel, uns auf die Stufe des Lichtes zu entwickeln. In der Umsetzung unserer Ziele und durch unser humanitäres Verhalten nehmen wir selbstverständlich indirekt politischen Einfluss. Unsere Ziele sollen sich gegen gesellschaftliche Ungleichheit, für Menschenrechte und Menschenliebe sowie für Toleranz einsetzen, unabhängig von Religion, Rasse, Klasse Volks- und Staatsangehörigkeit. Nie aber soll Freimaurerei die Macht im Staate oder die Weltherrschaft anstreben.
So gesehen können wir also nur als Individuen in unserem ganz persönlichen Alltag und Wirkungskreis die uns bekannten, allgemeinen Ziele der Freimaurerei verwirklichen und unser sittliches und soziales Verantwortungsgefühl mit entsprechendem Handeln umsetzen. Geht hinaus in die Welt und wehret dem Unrecht, wo es sich zeigt‘ heisst es jeweils am Schluss unserer Tempelarbeit. Ich persönlich verstehe darunter, dass wir Freimaurer aus unseren Tempeln heraustreten sollten und uns nicht ohnmächtig einer politischen oder wirtschaftlichen Obrigkeitshörigkeit unterwerfen dürfen. Ich bin überzeugt, dass der Alltag jedem von uns unzählig kleinere oder grössere Möglichkeiten bietet, in kritischen Fragen der Gesellschaft, beispielsweise in der Globalisierungsfrage, Einfluss zu nehmen und für die Ideale der Freimaurerei, welche Schnittstellen zur Globalisierung haben, einzutreten. Jeder in seinem Umfeld und nach seinen Möglichkeiten. Solch ein Engagement für eine humanere, gerechtere Arbeitsund Wirtschaftswelt, lässt sich nicht an andere delegieren. Wir persönlich sind für unser Handeln oder eben Nichthandeln im Sinne des kategorischen Imperativs nach Kant einzig und allein verantwortlich.
Was könnte das konkret heissen?
Als Freimaurer und zugleich auch Staatsbürger, Arbeitnehmer und Konsumenten sind wir aufgefordert, uns mit der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung vertieft auseinander zu setzen und uns persönlich politisch zu engagieren. Damit geben wir der Politik die Macht und Legitimation, die oben angesprochenen Ziele zu verwirklichen. Wir können aber beispielsweise auch unsere Macht als Konsumenten ausspielen und bewusst auf Produkte verzichten, welche unter Bedingungen hergestellt wurden, die gegen soziale Grundrechte verstossen. Oder wir können persönlich wirklich Bedürftigen und Benachteiligten helfen. Oder uns auf politischem Weg, über Dialog oder gemeinnützige Plattformen für die Schaffung einer gerechteren Weltordnung ohne Hunger und physische Bedrohung einsetzen. Denn die Wiederbelebung einer ‚internationalen Bewegung von unten‘ tut Not. Der Aufbau ziviler Strukturen im Mikrobereich ist die Voraussetzung für das Funktionieren jeder Demokratie. Verbände, Organisationen und Werte wie Humanität haben sich schliesslich ebenso zu globalisieren und international auszurichten, wie dies die transnationalen Unternehmen schon seit Jahrzehnten tun.
Der Freimaurerei kam mit ihrer Struktur während der Zeit der Aufklärung eine Schlüsselrolle zu. Heutzutage kann ein Freimaurer als moderner ‚Aufklärer‘ die anstehenden Probleme in Gesellschaft und Wirtschaft analysieren und sinnvolle Ziele und Strategien für eine bessere Welt entwickeln. Schliesslich sollen wir Freimaurer im Alltag aus einer aufgeklärten Grundhaltung heraus Verantwortung tragen und Fehlentwicklungen nach Möglichkeit mit Strategie, Herz und Vernunft korrigieren. Mit Zivilcourage und Mut, Missstände ansprechen und im besten Falle gar lösungsorientierte Vorschläge einbringen, auch wenn sie sich gegen die herrschende Meinung richten.
Nutzen wir also unser kreatives Potential für eine hoffnungsvollere Zukunft und eine erneuerte Solidarität zwischen den Menschen in einer besseren Zivilgesellschaft. Und vor allem: packen wir es an! Denn es ist alleweil besser, aktiv zu handeln, als passiv in Resignation und Frustration ob der einschneidenden Veränderungen zu versinken.
J.