Brüderliche Liebe als Instrument der Konfliktbewältigung.

Der ursprüngliche Arbeitstitel «Konflikte brüderlich austragen» griff – bei näherer Betrachtung -nicht weit genug. Das Wort «brüderlich» ist zwar im allgemeinen positiv besetzt, andrerseits werden Konflikte zwischen Brüdern gar nicht selten in der Art ausgetragen wie dies Kain und Abel fertiggebracht haben.

Im weiteren Verlauf dieser Arbeit wird begründet, warum der Begriff der «Liebe» eingebracht wurde, den wir ja in unserer rituellen Arbeit und auch in unserer Anrede im Tempel häufig verwenden, dies wohl oft, ohne uns über die Tragweite des Wortes «Liebe» viele Gedanken zu machen.

«Übt brüderliche Liebe, die der Grundstein und der Schlussstein, der Kitt und der Ruhm unserer alten Bruderschaft ist» lautet denn eine der Formeln des sogenannten Schröder-Rituals.

Nun ein Sprung zum anderen Schlüsselbegriff dieser Arbeit, zum Konflikt.

In jeder menschlichen Gemeinschaft kommt es unweigerlich zu Konflikten, sozial tätige Organisationen, zu denen ich auch die FM rechne, sind davon keineswegs ausgenommen. Böse Zungen behaupten sogar, dass im Sozialbereich zwischenmenschliche Konflikte, z.B. reines Machtstreben, noch stärker zum Ausdruck kommen, da die in der Wirtschaft übliche Richtschnur des finanziell messbaren Erfolgs fehlt.

In der Freimaurerei finden sich viele Männer, die in Führungspositionen oder unabhängig tätig sind oder dies waren und die meist auf einen beachtlichen Leistungsausweis zurückblicken können. Und wir vereinigen uns auf Basis absoluter Freiwilligkeit, Gleichwertigkeit, Dogmenfreiheit und Demokratie.

Es ist ganz klar, dass diese an und für sich sehr positiven Grundlagen wenig dazu geeignet sind Kritik, von welcher Seite auch immer, anzunehmen. Die meisten Brüder haben mit Recht ein entwickeltes Selbstbewusstsein. Wenn einem zu vieles nicht mehr passt, kann man z. B. eine neue Loge gründen, zu einer anderen Obedienz gehen oder auch der FM ganz den Rücken kehren, ohne dass dies fühlbare Konsequenzen hat. Die Fluktuationsraten in der Maurerei sind deshalb nicht verwunderlich.

Doch gerade in der Bewältigung von Konflikten sollten wir uns mit unseren maurerischen Ansprüchen an Toleranz und Brüderlichkeit doch von einem Kegelverein deutlich unterscheiden. Man kann wohl sogar unterstellen, dass Kegelvereine wahrscheinlich weniger Konflikte als FM-Logen auszutragen haben, da ihre Ziele viel besser definiert sind.

Also: Konflikte bewältigen? leichter gesagt als getan!

Unsere abstammungsgeschichtliche Vergangenheit spielt uns da gerne Streiche.

Der Schriftsteller Arthur Koestler umschreibt dies in seinem bemerkenswerten Buch «Der Mensch, Irrläufer der Evolution» sinngemäss so: Wenn sich ein Patient auf der Couche des Psychiaters ausstreckt, dann liegt da ein Krokodil neben einem Pferd und neben einem Gott.

Wir haben also mindestens 3 sehr verschiedene Wesen in uns:

  1. Ein instinktgesteuertes, manchmal mörderische Raubtier
  2. Ein sozial lebendes Herdentier, mit Ängsten und ausgeprägtem Fluchtverhalten, aber auch mit dem kampfbetonten Willen, den ihm vermeintlich zustehenden Platz in der Herde einzunehmen und gegen Rivalen zu verteidigen.
  3. Ein gottgleiches Vernunft- und Kulturwesen mit beinahe unendlicher Fähigkeit kreative Akte zu erbringen.

Diese drei Wesen werden, in sehr vereinfachter Weise, durch drei Gehirnbezirke repräsentiert, die – leider – sehr wenig Verbindung untereinander haben nämlich: Hirnstamm-Kleinhirn, Grosshirn und Grosshirnrinde.

Nicht besser ist es bekanntlich um die Verbindungen zwischen der rechten und der linken Hirnhälfte bestellt, die -ebenfalls stark vereinfacht – für Emotionen einerseits und für die Vernunft andrerseits zuständig sind.

Recht unharmonisch was die Schöpfung zusammenwachsen liess. Nicht verwunderlich, dass schon in jedem Menschen selbst Konflikte sonder Zahl vorhanden sind. Wenn der Mensch wirklich die Krone der Schöpfung ist, dann ist es eben eine Krone, der so mancher Zacken fehlt.

Und erst wenn man mit Mitmenschen zusammentrifft ! Die Konfliktmöglichkeiten potenzieren sich rasch und es ist eigentlich eher überraschend, dass der Mensch ein so erfolgreiches Modell geworden ist – ob dies von Dauer ist, bleibt abzuwarten.

Oft wird behauptet, dass schon der erste Blick über Zu- und Abneigung entscheiden würde. Das mag schon sein, die Begleitumstände spielen aber bei dieser Ersteinschätzung sicher eine erhebliche Rolle. Der bekannte Film «When Harry meets Sally» zeigt ein hübsches Beispiel einer tiefen Abneigung, die sich in Liebe verwandelt.

Aber selbst wenn dem so wäre, dass Sym- und Antipathie vorprogrammiert sind: jedem von uns sind Fälle bekannt, in denen langjährige Freunde zu tödlichen Rivalen wurden – dies gibt es nicht nur in Wildwestfilmen – aber auch das Gegenteil: nämlich dass Gegner, die aus welchen Gründen auch immer, eng zusammenarbeiten müssen, sich dabei zusammenraufen und einander am Ende sogar schätzen.

Vernunftehen und Zweckbündnisse sind eben oft haltbarer als emotionale Bindungen, die mit heissem Kopf eingegangen worden sind.

Nun kann man fragen, was hat all dies mit brüderlicher Liebe im freimaurerischen Sinn zu tun ? Weit mehr als auf den ersten Blick ersichtlich ist.

Was ist denn eigentlich diese Liebe, die wir Brüder Maurer füreinander empfinden sollen ? Sie beruht im Wesentlichen auf einer vernunftbegründeten Entscheidung des freien Willens den anderen Brüdern ohne Vorbehalte vor allem zwei Gefühle entgegenzubringen und diese auch von ihnen zu erwarten: RESPEKT und VERTRAUEN.

Das dies auf Gegenseitigkeit beruhen muss ist ganz klar. Noch weit wichtiger ist, dass der Respekt vom vermeintlich «Stärkeren» nicht dazu missbraucht wird, den anderen zu beherrschen oder über den Tisch zu ziehen, noch dass das Vertrauen enttäuscht wird. Beides ist kaum wieder gut zu machen.

Noch eine dritte Eigenschaft ist besonders wichtig: die EMPHATIE d.h. die Fähigkeit sich in den anderen hineinzudenken und seine Beweggründe zu verstehen. In dieses Kapitel gehört auch die Erkenntnis des bekannten Psychoanalytikers Paul Watzlawick: «DIE WAHRHEIT IST NICHT DAS WAS A SAGT, SONDERN WAS B DARUNTER VERSTEHT». Dieses Einfühlungsvermögen ist nun sicher eine Eigenschaft , die nicht jeder mit der Muttermilch mitbekommt, die man sich aber durchaus anerziehen kann, wenn man seinen rauen Stein nur kräftig genug bearbeitet.

Man mag einwenden, dass diese Beschreibung der «brüderlichen Liebe» einen recht unromantischen und nüchternen Beigeschmack hat. Warum eigentlich nicht ? Die Freimaurerei ist ja ein legitimes Kind der Aufklärung, die bekanntlich alle Lebensbereiche, bis hin zur Religion, von der Vernunft gesteuert wissen wollte. Zitat aus dem Lehrlingskatechismus: «Das Mass des Zirkels hat seine Grenze, so darf auch unsere Liebe weder gering noch übermässig sein.» …Ende des Zitats. Selbstverleugnung wird vom Freimaurer also sicher nicht verlangt.

Diese Auffassung von brüderlicher Liebe – auch wenn sie etwas synthetisch wirken sollte – kann nun hauptsächlich auf zwei Arten bei Konflikten wirksam werden: Wenn wir es uns zur Gewohnheit machen, auch im Falle einer sogenannten «instinktiven» Abneigung die Vernunft der Hirnrinde über das Krokodil in uns siegen zu lassen, dann haben wir schon einen wichtigen Schritt getan, um das Entstehen von Konflikten zu minimieren.

Wenn es aber einmal doch zu einer auch heftigen Auseinandersetzung gekommen ist, dann sollte es uns wieder die Vernunft ermöglichen, die schätzenswerten Seiten des vermeintlichen «Gegners» zu sehen, seine Beweggründe zu verstehen und den berühmten Balken aus seinem eigenen Auge zu entfernen.

Im Gegensatz zum Alltag und Berufsleben treffen wir ja in der Freimaurerei auf Brüder, die zwar sehr verschieden sind, sich aber primär alle einer grundsätzlich positiven Einstellung zum Mitmenschen verschrieben haben – zumindest soweit ihr Engagement ehrlich gemeint ist. Es sollte da doch für uns alle gelten, was Sophokles schon vor 2500 Jahren seine Antigone sagen liess: «Nicht mit zu hassen, mit zu lieben bin ich da».

Das Entstehen von Konflikten ist an und für sich unvermeidlich und zutiefst menschlich. Es kommt nur darauf an, wie wir damit umgehen d.h. ob es zu einer Eskalation oder zu einer Verarbeitung kommt, die für alle Mitwirkenden Früchte trägt. Jeder Konflikt bietet ja auch die Chance einer Lösung, die alle Beteiligten weiterbringen wird.

Wir müssen lernen, aufkommende negative Gefühle zwar zuzulassen – wir wollen und können ja keine emotionslosen «Gutmensch-Roboter» werden – aber diese Gefühle so rasch als möglich dem betroffenen Bruder gegenüber formulieren. Das wird wohl in den häufigsten Fällen unter 4 Augen stattfinden, es ist aber gut vorstellbar, dass dies unter Vermittlung eines dritten – wohlwollend neutralen – Bruders passiert.

Nur so können Konflikte schon bei ihrer Entstehung abgefangen werden; nur so kann man verhindern, dass in einem Bruder Unzufriedenheit, Ärger und Schlimmeres zu motten beginnt.

Wir sollten es auch nach Möglichkeit unterlassen, Kritik an einem Bruder bei Dritten anzubringen. Scheuen wir uns nicht das Gespräch so rasch als möglich mit dem Betroffenen selbst zu suchen, wenn es uns notwendig scheint. Dazu gehört zweifellos mehr Mut, als seine Besorgtheit bei anderen vorzubringen.

Bemühen wir uns aber auch jede angebrachte Kritik, so sachlich als möglich zu formulieren und hören wir den Argumenten des Betroffenen mit grosser Aufmerksamkeit zu. Und vergessen wir dabei nie, dass wir den anderen zum Bruder gewählt haben.

Und noch eines: es ist unerlässlich, das der «Kritisierte» den anderen Bruder nicht ins Leere laufen lässt und sich der Auseinandersetzung, immer als Bruder, auch stellt.

Auf diese Weise wird es in fast allen Fällen zu einer Lösung des Konfliktes kommen.

«Liebe» – ein grosses Wort, das wir in der Freimaurerei oft recht bedenkenlos verwenden. Wir haben nun seine Bedeutung vielleicht auf einen pragmatischen aber brauchbaren Inhalt reduziert, den wir immer wieder mit Vernunft erarbeiten können: RESPEKT, VERTRAUEN und EINFÜHLUNG in den anderen . Wenn wir dies einem Bruder entgegenbringen, so stellt sich als Resultat Achtung, ja Zuneigung oft wie von selbst ein.

P.